Sechs Gründe, warum Martin Kocher recht hat:

25. Jänner 2021

1. Ich kann mich prima auf die Jobsuche konzentrieren, mein Portfolio aktualisieren und an meiner Bewerbung feilen, wenn ich jeden Tag jedes Monats bewusst so wirtschaften muss, dass ich meine Miete zahlen kann und genug zu essen hab. Dieselben Bedürfnisse plötzlich mit viel weniger Geld erfüllen zu müssen kann schließlich kein Organisationsaufwand sein. Weniger Leistungswillige würden behaupten, dass von Monat zu Monat leben ein enormer Stressfaktor ist, der langfristige Planung wie kindische Zeitverschwendung wirken lässt. Aber das ist ja alles nur im Kopf, sag ich immer. Ich komme damit klar. Ich habe Biss.

2. Ich muss mir keine Sorgen mehr wegen meines ökologischen Fußabdrucks machen, da ich mir mein Auto nicht mehr leisten kann. Nur willensschwache und moralisch verderbte würden darin einen Rückschlag sehen, ich hingegen sehe einen Segen und neue Chancen. Wenn das Arbeitslosengeld höher wäre, würde ich das nur vershoppen. Da ich prinzipiell nach der Miete kaum mehr Geld für andere Produkte habe und Konsum ja ein treibender Faktor im Klimawandel ist, kann ich selbstbewusst in eine klimagerechte Zukunft starten. Zu dem Bewerbungsgespräch in der nächsten Ortschaft kann ich leider nicht mehr starten, da die öffentliche Anbindung in meiner Gemeinde kaum ausgebaut ist. Das nehme ich in Kauf. Ich bin #ArbeitslosForFuture.

3. Die vielen AMS-Termine, in denen ich mich für mein Verbrechen der Arbeitslosigkeit rechtfertigen muss, stärken meinen Charakter. Da ich nicht fließend Deutsch spreche, kann ich meine Tochter zu den Terminen mitnehmen, um für mich zu übersetzen, damit sie auch früh lernen kann was für eine Schmach es ist sich zu unterstehen ohne Auto, mit vier Kindern zu Hause, mangelnden Deutschkenntnissen und einem Pflichtschulabschluss keinen passenden Job zu finden. Wenn mir die AMS-Betreuerin sehr laut und sehr langsam und für alle anwesenden gut hörbar: "DEIN MANN ZU VIEL GELD MACHEN. NIX NOTSTANDSHILFE" entgegen brüllt, weiß ich, dass ich es mir verdienen muss Teil dieser Gesellschaft zu sein. Wieder werden Leistungsfeindliche hier Ausgrenzung sehen, die unter gewissen Umständen zu Radikalisierung führen kann. Ich tue es nicht. SSKM.

4. Hätte ich mehr Geld zur Verfügung würde ich es verwenden, um mir und meiner Familie ein schöneres Leben zu machen, was wir ja, auf Grund meiner Arbeitslosigkeit, nicht verdient haben.

5. Wenn ich nicht sofort den erstbesten Job nehmen müsste, um an ein stabileres Einkommen zu gelangen, würde ich mich ja unterstehen wählerisch zu seien. Ich würde mir die Zeit nehmen einen Job nach meinen persönlichen Präferenzen wählen, nach Vereinbarkeit mit meinen Betreuungspflichten oder gar mich unterstehen meinen Lohn verhandeln zu wollen. Das schickt sich natürlich nicht, da ich als Leistungsverweigerin demütigst jedem mein Leben verpflichten muss, der sich meiner Minderwertigkeit erbarmt.

6. Schlicht und ergreifend, wissenschaftlich und unemotional: Die gängige Wirtschaftstheoretische (aber nur kaum empirische Forschung, hoppala) sagt aus, dass die Konsumentin bei zu hohem Arbeitslosengeld darauf verzichtet arbeiten zu gehen, da sie zwischen 2 Gütern (Lohn, Freizeit) entscheidet und nach deren Beschaffenheit ihren Nutzen maximiert. Das mag auf den ersten Blick sehr einfältig wirken und auf den zweiten wie ein ideologischer Auswuchs der zweiten Phase britischer Kolonialpolitik, der seit 250 Jahren Mantra-artig von Wirtschafts-Studierenden wiederholt wird, in der Hoffunung, dass wenn sie in den Spiegel sehen, ihre Hacken zusammenschlagen und drei Mal "Der freie Markt ist pareto-effizient" sagen, Ökonomie sich in eine ECHTE Wissenschaft, nämlich eine Naturwissenschaft verwandelt.

Auf den dritten Blick allerdings sehe ich das alles nicht mehr so eng.